Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen. (Mt 18, 20)

Passionsandachten, Teil 1: Worte Jesu, vom Kreuz herab gesprochen

von Christof Nickel

Ein ganz herzliches Willkommen allen, die sich auf den Weg gemacht haben, um in diesen Tagen Jesus auf dem Weg ans Kreuz zu begleiten. Für jeden Tag dieser Woche haben dazu Tanja Bierwirth, Thomas Petri, Kai Maaß und ich – einen Gedankenanstoß vorbereitet, über den es sich zu meditieren lohnt. In diesem Jahr möchten wir uns etwas genauer mit den sogenannten 7 Worten von Jesus beschäftigen, die er vom Kreuz her bis zu seinem Tod gesprochen hat. Diese 7 Worte – oder 7 Aussprüche – vom Kreuz sagen unendlich viel aus über das Wesen des Gottessohnes. Gleich vorweg, alle 7 Worte werden wir leider nicht besprechen können. Trotzdem sollen sie alle zu Anfang in der traditionellen Reihenfolge genannt sein.

  1. Zu seinem Vater spricht Jesus: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lukas 23,34)
  2. Dem zusammen mit ihm Gekreuzigten sagt er zu: „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lukas 23,43)
  3. An seine Mutter und an Johannes gewandt: „Frau, siehe, dein Sohn!“ und: „Siehe, deine Mutter!“ (Johannes 19,26–27)
  4. Dann der Schrei, an Gott gerichtet: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Matthäus 27,46; Psalm22,2)
  5. Danach das Wort: „Mich dürstet.“ (Johannes 19,28)
  6. Schließlich der befreiende Satz: „Es ist vollbracht.“ (Johannes 19,30)
  7. Am Ende, an seinen Vater gewandt: „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ (Lukas 23,46; Psalm 31,5)

Beginnen möchte ich mit dem ersten Wort, das wir im Lukasevangelium finden, Kapitel 23,34 finden: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Da hängt also Jesus am Kreuz. Die Geißelung und Verurteilung, der schwere Gang hinauf auf den Todeshügel Golgatha liegen hinter ihm. Mit schweren Hammerschlägen sind ihm bereits die Nägel in Arme und Beine getrieben worden. Das Kreuz steht aufgerichtet – und das Gewicht seines Körpers lastet auf seinen Wunden.

Unsagbare Schmerzen. Kaum auszuhalten. Dazu die Zurschaustellung, die Entblößung von Jesus, vor den Augen aller. Das Lästern und Spotten – aber auch das Weinen ist zu hören. So hängt Jesus am Kreuz – und blickt dabei doch nicht auf sich und sein Elend…. sondern auf die Anwesenden. Mehr noch: Jesus blickt auf diese Welt. Auf all die Schuld, die sich vor ihm auftut, auf die Finsternis, die jedes Menschenleben umschließt und bestimmt. Und auf die Gottesferne.

Dann spricht er diesen ersten Satz vom Kreuz herab: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Bemerkenswert! Jesus bittet hier nicht um Rache. Er bittet nicht um das Aufmarschieren himmlischer Heerscharen, die ihn befreien sollen. Er bittet auch nicht um Gottes feuriges Gericht an sei­nen Feinden. Dieses Gericht Gottes wäre durchaus angemessen gewesen. Dazu hätte sich Jesus auf das Alte Testament berufen können. Doch er geht einen anderen Weg. Den Weg der Fürbitte.

Nicht nur für seine Freunde bittet er, sondern – genau hinhören: auch und gerade seinen Feinden will er den Weg zu Gott öffnen. Also denen, die ihn foltern und quälen. Denen, die ihn herablassend verspotten. Denen, die ihm zurufen: Hilf dir selber.

Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Natürlich wissen die vielen Menschen, die da herumstehen nicht, wen sie eigentlich ans Kreuz schlagen haben, über wen sie lästern und lachen. Ob­wohl es auf einem Schild am Kreuz schwarz auf weiß zu lesen ist: „Jesus von Nazareth, König der Juden“. Und obwohl manche laut spottend genau das rufen: „Du bist doch der Christus, der Messias!“

Aber: … sie wissen nicht, was sie tun

Die Soldaten wissen nicht, was sie tun. Ihr Geschäft ist reine Routinearbeit.
Die geistlichen Führer wissen es auch nicht. Dafür dürften sie ziemlich erleichtert gewesen sein, dass Jesus, dieser anmaßende Verführer und Gotteslästerer, endlich weg ist. Auch erleichtert, weil Jesus ihrer Aufforderung dann doch nicht nachgekommen ist, vom Kreuz herabzusteigen. Was für sie der Beweis ist: Jesus ist ein Scharlatan.

Und doch: … sie wissen nicht, was sie tun.

Nein, sie wissen es nicht. Sie begreifen nicht, dass sie sich an Gott selbst vergriffen haben. Sie erkennen ihre Schuld nicht, eine Schuld, die nicht nur für Jesus,
sondern auch für sie selber tödlich ist. Sie erkennen nicht, was ihnen droht: Nichts anderes, als das Gericht Gottes.

Und trotzdem bittet Jesus für sie. Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Jesus bittet Gott um Vergebung für seine Widersacher. Er plädiert nicht für mildere Umstände wegen Unzurechnungsfähigkeit. Jesus stellt sie nicht unter Gottes Gericht – er bittet um Gottes Gnade. Eine Gnade, die das Unrecht nicht übergeht – aber trotzdem nicht das gibt, was eigentlich zustehen würde.

Ob die Menschen vor dem Kreuz dieses Angebot zur Umkehr genutzt haben? Wir wissen es nicht.

Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Dieser Satz von damals weist zugleich weit über die unmittelbare Situation hinaus. Er betrifft auch uns. Mehr noch: Dieser Satz zeigt, in welcher Lage wir uns alle miteinander vor dem heiligen Gott befinden.

Auch wir müssten es eigentlich besser wissen, wer da am Kreuz hängt. Auch wir müssten es eigentlich besser wissen, wofür Jesus sterben musste. Vor allem aber: Auch wir müssten es eigentlich besser wissen, was jeder von uns in der Lage ist zu tun. Wie groß unsere Schuld ist, angesichts der Gerechtigkeit Gottes. Und doch: Wir wollen es oft nicht wahrhaben, wie tödlich die Sünde auch für uns ist.

Die Macht unserer Sünde, wir erkennen sie erst am Kreuz von Jesus. Denn dort entlarvt die Liebe von Jesus, seine Fürbitte, mein schäbiges Ver­halten. Sein Tod als Gerechter deckt meine Sünde auf, an der ich, ohne ihn, zugrunde gehen würde. Deshalb: Gott sei Dank, dass Jesus auch für dich und mich bei Gott eintritt. Eintritt für unsere wissentliche und unwissentliche Schuld. Eintritt für unsere Gleichgültigkeit und Selbstgerechtigkeit. Eintritt für unsere Gottvergessenheit. Denn Jesus bittet: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Und deshalb ich lade dich ein, diesen Satz heute in dir zu bewegen.
Ich lade dich ein, Gott heute bewusst dein Herz zu öffnen.
Ich lade dich ein: Gib Gott heute die Gelegenheit, dich ansprechen und dir vergeben zu dürfen.
Damit das Gebet von Jesus erreicht, wozu es auch für dich gesprochen wurde, dort am Kreuz.

Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.