Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen. (Mt 18, 20)

Passionsandachten Teil 2: Worte Jesu vom Kreuz herab gesprochen

von Tanja Bierwirth

„Er soll jetzt dein Sohn sein! Sie ist jetzt deine Mutter.“

Unter dem Kreuz, an dem Jesus hing, standen seine Mutter und ihre Schwester, außerdem Maria, die Frau von Kleopas, und Maria Magdalena. Als Jesus nun seine Mutter sah und neben ihr den Jünger, den er liebhatte, sagte er zu ihr: „Er soll jetzt dein Sohn sein!“ Und zu dem Jünger sagte er: „Sie ist jetzt deine Mutter.“ Da nahm der Jünger sie zu sich in sein Haus.      Joh. 19, 25–27 (Hfa)

Da stehen sie also.

Die eine:

Maria, Witwe, Mutter mehrerer erwachsener Kinder, von denen das älteste einen so ganz anderen Weg gegangen ist, der viel Aufmerksamkeit erregt hat. Am Anfang, bei einer Hochzeitsfeier, hatte sie noch geglaubt, ihm sagen zu können, was er zu tun habe (Joh. 2, 1–5). Später dann musste sie die Erfahrung machen, dass ihm die Menschen, die ihm zuhören wollten, mindestens genauso wichtig waren wie seine Familie, für die er sie nicht einfach stehen lassen wollte
(Luk. 8, 19–21). Aber doch war sie wohl immer irgendwo in der Nähe ihres Sohnes geblieben.

Und der andere:

Johannes, der zusammen mit seinem Bruder sein Leben als Sohn eines wohlhabenderen Fischers aufgegeben hatte und seit etwa drei Jahren mit Jesus durch das Land gezogen war, als einer seiner drei engsten Vertrauten. Als er Jahre später schriftlich über diese Zeit berichtete, nannte er dabei nicht seinen Namen, sondern definierte sich einzig und allein über die Liebe Jesu, wie auch in diesem Text.

Da stehen die beiden also und sehen zu, wie der Mensch, der ihnen vielleicht mehr bedeutet als allen anderen, langsam und qualvoll stirbt.

Und vielleicht stirbt dabei auch gleichzeitig ihr Glaube, stirbt der Gott, wie sie ihn sich bisher vorgestellt hatten. Denn hatte ihnen nicht Gott selbst mit Blick auf Jesus etwas ganz Anderes zugesagt?

Maria war vor der Geburt ein Engel mit folgenden Worten erschienen: „Du wirst ein Kind erwarten und einen Sohn zur Welt bringen. Jesus soll er heißen. Er wird mächtig sein, und man wird ihn Gottes Sohn nennen. Die Königsherrschaft Davids wird er weiterführen und die Nachkommen Jakobs für immer regieren. Seine Herrschaft wird kein Ende haben.“ (Luk. 1, 31–33)

Und Johannes war zusammen mit Petrus und Jakobus dabei gewesen, als Jesus in einer überirdischen Begegnung auf Mose und Elia traf, und hatte dann Gott selbst sagen hören:

„Das ist mein Sohn, den ich euch gesandt habe. Tut, was er euch sagt!“
(Luk. 9, 35)

Sohn Gottes, ewiger Herrscher – und dann so ein Tod, von Menschen verachtet und von Gott verlassen. Wie konnte denn das zusammenpassen?

Und in diesem Moment, in dem für Maria und Johannes nicht nur die Welt, sondern wohl auch der Himmel unterzugehen schien, sieht Jesus, den sie beide so sehr lieben, sie an und verbindet sie so eng miteinander, wie es nur möglich ist.

Maria und Johannes sind in dieser Verbindung geblieben – und haben erfahren, dass Gott tatsächlich gestorben ist. Und dass er dadurch alle seine Versprechen an seine Menschen wahrgemacht hat, um sie auf ewig nicht mehr loszulassen.

Und wir?

Vielleicht sind diese Worte „Dein Sohn! Deine Mutter!“ auch für uns, die wir Jesus doch auch lieben wollen, eine Aufforderung und Ermutigung, immer dann, wenn Himmel und Erde, wenn Alltag und Glauben aus den Fugen geraten, ganz besonders die Nähe zueinander zu suchen. Auch und gerade in Zeiten wie diesen.

Wir beten:

Vater, danke, dass du uns siehst. Uns alle, die wir nach mittlerweile einem Jahr Corona müde, gereizt und auch einsamer geworden sind, die wir mehr oder weniger viel verloren haben und mehr oder weniger stark an unsere Grenzen kommen. Lass uns deine Nähe spüren. Und schenk uns auch die Nähe anderer Menschen, die es uns leichter machen, bei dir zu bleiben.

Vater, lass auch uns selbst solche Menschen sein oder werden, die andere im Blick behalten. Gib uns Mut und Kraft und Kreativität, trotz aller Einschränkungen Wege zum anderen zu finden, dem du durch uns begegnen möchtest.

Vater, und spring du bitte da, wo wir an dieser Aufgabe scheitern, wieder und wieder selbst in die Lücke unserer Schuld und unseres Versagens, so wie du es schon damals am Kreuz getan hast und noch immer tust.

Amen.