Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen. (Mt 18, 20)

Passionsandachten Teil 3: Worte Jesu vom Kreuz herab gesprochen

von Thomas Petri

Gottverlassen …

Von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?   Matthäus 27, 45+46

Wüste… nichts als Sand, Felsen und Wind. Ohrenbetäubende Einsamkeit. Der alte Mann hebt den Kopf des jungen Mannes, den er schwerverletzt und bewusstlos aufgefunden hat, leicht an. Der jüngere kommt zu Bewusstsein und der Alte fragt ihn: „Sag mal, mein Junge, was machst du in dieser gottverlassenen Gegend?“

Diese Gegend ist lebensfeindlich, sie ist bedrohlich und die Überlebenschancen in ihr sind gleich null oder weniger. Man ist in ihr unendlich einsam. Gottverlassen eben. Wir kennen zum Beispiel den Ausdruck, dass man jemanden fragt, ob er oder sie von „allen guten Geistern verlassen“ sei, was so viel heißt, wie, ob der oder die Gefragte noch bei klarem Verstand ist. Aber „gottverlassen“, also im wörtlichen Sinn von Gott verlassen, das ist eine Beschreibung, die, wenn man das einmal konsequent zu Ende denkt, an Härte und Grausamkeit nicht mehr zu überbieten ist. Gott hat sich abgewandt. Nicht diejenigen, die sich gottverlassen fühlen, haben sich von Gott entfernt, sondern Gott hat sich von sich aus von jemandem abgewandt… hat ihn oder sie verlassen. Eine Vorstellung, die für uns unbegreifbar ist. Gott, von dem wir glauben, dass er immer und immer wieder auf uns zu kommt und uns in seine liebenden Arme nehmen will, wendet sich ab und verlässt diesen Ort, oder schlimmer noch: diesen Menschen. Ein viel schlimmeres Gefühl, eine trostlosere Befindlichkeit kann ich mir nicht vorstellen.

Und genau dieses Gefühl, diese zutiefste Verlassenheit, das Verstoßen-Sein aus der Gegenwart Gottes, dieses Gefühl bricht in den Worten aus dem 22. Psalm aus Jesus am Kreuz heraus. Jesus, Gottes geliebter Sohn, der immer ganz in der Gegenwart des Vaters gewesen ist und im Vertrauen auf diese unumstößliche Gegenwart Gottes sein Leben geführt hat – dieser Jesus zerbricht in der Verlassenheit von Gott.

Und die Bilder aus dem 22. Psalm, dessen Worte Jesus hier in seiner Verzweiflung herausbrüllt, drücken nur ansatzweise das Gefühl aus, das Jesus hier erduldet: Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Gebeine haben sich zertrennt; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, meine Zunge klebt mir am Gaumen, und du legst mich in des Todes Staub.

Aber Jesus musste diesen Weg gehen. Nur er, der allein schuldlos war, konnte die Schuld der Welt auf sich nehmen. Aber dadurch, dass er diese unerträgliche Last auf sich nahm, nahm er eine noch viel größere Last auf sich, nämlich die Distanz von Gott. Denn Gott, der Heilige, kann nicht zusammen gedacht werden mit dem Dulden der Schuld der Welt. Und indem Jesus diese Schuld und Last am Kreuz auf sich lud, musste Gott sich von ihm abwenden, damit er sich uns, die wir durch diesen erbärmlichen Tod Jesu am Kreuz von unserer Schuld befreit wurden, immer und immer wieder zuwenden kann.

Dieser Moment der absoluten Verzweiflung, der totalen Einsamkeit und des ohnmächtigen Verlassen-Seins macht Jesus an dieser Stelle zutiefst menschlich, denn er gibt seine eigene Göttlichkeit auf und nimmt unsere ureigenste Natur der schuldbeladenen Menschlichkeit an. Und Jesus zerbricht, ja muss zerbrechen an dieser Last. Das ist das eigentliche Geschehen von Karfreitag.

Aber … in dieser dröhnenden Einsamkeit, in dieser Angst und Verzweiflung wendet sich Jesus, trotz des Gefühls und des Wissens, dass er in diesem Moment von Gott verlassen ist, an die einzige Instanz, von der er sich Trost, Beistand oder Kraft erhofft, diesen Weg bis zum Ende durchgehen zu können: Er schreit zu Gott selbst, denn er will und kann nicht von dem Einzigen lassen, das oder der ihm einen Halt, eine Perspektive oder wenigstens einen Orientierungspunkt in diesem heillosen Chaos bieten kann. Karfreitag ist hoffnungslos, Karfreitag ist Tod, gnadenlos und unumstößlich. Karfreitag ist Verzweiflung, die Negation allen Lebens. Aber wenn es einen Funken Hoffnung in der Botschaft von Karfreitag gibt, dann den, dass Jesus auch im Verlassen-Sein von Gott an ihm, seiner einzigen Hoffnung, festhält und ihm seine ganze Verzweiflung entgegenschreit.

… aber Gott nicht lassen!

 

Gebetsanliegen:

  • Wir beten für Halt, Trost und Orientierung in einer haltlosen, trostlosen und orientierungslosen Zeit, in der die Verzweiflung des oder der Einzelnen immer größer wird.
  • Wir beten für all diejenigen, die mit ihren eigenen Kräften an ihre Grenzen kommen oder schon gekommen sind, dass sie sich ganz in Gottes offene Arme fallen lassen können und bei ihm wieder Kraft tanken können.
  • Wir beten für uns alle, dass wir eine Passionszeit erleben, die uns dafür offen macht, uns durch das Ostergeschehen ganz neu beschenken zu lassen.